
Prof. Dr. med. I. Sudano
Leitende Ärztin, Klinik für Kardiologie, USZ
Hausärzte sind das Zentrum für Prävention – Todesfälle durch Herzinfarkt und Schlaganfall sind heute dank der Erkennung und Behandlung der Risikofaktoren weitgehend vermeidbar. Was kann der Hausarzt dazu beitragen? Prof. Dr. med. Isabella Sudano, Leitende Ärztin an der Klinik für Kardiologie am Universitätsspital Zürich, im Gespräch
Welche Aufgabe hat der Hausarzt bei der Prävention von kardiovaskulären Ereignissen, wenn es um die Lipide geht?
Die Hausärzte und -ärztinnen sollen das Zentrum für Prävention sein. Sie sind die Stelle, wo erstmals das Cholesterin gemessen wird. Sie können selbständig entscheiden, wie die hohen Lipide behandelt werden sollten, aber auch, wann die Therapie ihre Kompetenz überschreitet und der Patient an ein Lipidzentrum zu überweisen ist.
Ab welchem Alter macht eine Vorsorgeuntersuchung Sinn?
So früh wie möglich. Bei Personen, die familiär mit Herzinfarkt und Hirnschlag vorbelastet sind, bereits ab 18 Jahren. In speziellen Fällen, wenn ein Elternteil homozygot ist, werden bereits Kinder gescreent. Die homozygote familiäre Hypercholesterinanämie ist eine seltene erbliche Krankheit. Normalerweise sollte mit 25 oder 30, spätestens aber mit 40 Jahren eine Untersuchung gemacht werden. Meiner Meinung nach ist das zu spät. Der Blutdruck wird meist früher gemessen, Blutanalysen macht man eher später. Das sollte man ändern.
Sollen Leute in der Hausarztpraxis direkt auf ihre Risikofaktoren wie erhöhte Blutfettwerte angesprochen werden?
Ja, definitiv. Ich finde es auch in Ordnung, dass Hausärzte sich um Personen kümmern, bei denen die Werte nicht optimal sind. Es gilt herauszufinden, was man mit einem veränderten Lebensstil oder mit Medikamenten verbessern kann. Die Betroffenen sollten sich aber auch selber um ihre Werte kümmern und Bescheid wissen, was man dagegen tun kann. Dass der Hausarzt nicht jede Position der Blutuntersuchung in der Praxis besprechen kann, ist verständlich. Als Alternative können Spezialisten involviert werden.
Welche Lipidparametersind bei einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sichtig?
Mit dem Lipidprofil soll auch immer die Funktion der Nieren und die der Leber angeschaut werden. Normalerweise werden das HDL, LDL und die Triglyzeride getestet, wobei das LDL und die Triglyzeride als Parameter relevant sind. Einmal im Leben sollte das Lipoprotein(a) gemessen werden. Und in speziellen Fällen können wir auf die Bestimmung von ApoB – Apolipoprotein B – zurückgreifen, insbesondere bei Diabetes oder Stoffwechselstörungen sowie bei Menschen mit sehr hohen Triglyzeriden.
Welche dieser Werte können beeinflusst werden?
Das Lp(a) ist fast ausschliesslich genetisch bedingt und das LDL kann mit einer gesunden Ernährung maximal um 10 Prozent gesenkt werden. Bei den meisten Menschen ist das nicht genug, um das Cholesterin in den Normbereich zu bringen. Wenn wir das LDL senken wollen, kommen wir relativ schnell auf eine medikamentöse Therapie.
Sie haben es schon angedeutet, für das erhöhte Lp(a) haben wir noch keine medikamentöse Therapie. Ihre Empfehlung an die Hausärzte?
Eine Änderung des Lebensstils hilft nicht. Das Lp(a) ist über
90 Prozent genetisch festgelegt. Die Niereninsuffizienz, die Schilddrüsenfunktion, Schwangerschaft und Menopause können aber das Lp(a) beeinflussen. In Zukunft werden wir medikamentös behandeln können. Es gibt mehrere Medikamente, die in der Pipeline sind: ein Antisense-Oligonukleotid, verschiedene siRNA-Therapien, ein oral Lp(a)-senkendes Medikament und Obicetrapib, ein CETP-Inhibitor. Alle diese Medikamente sind aber noch in Studien. Wir wissen bereits, dass diese Medikamente das Lipoprotein(a) senken können. Ob dadurch das vaskuläre Risko abnimmt, ist noch nicht bekannt. Wir warten auf die Resultate der Outcome-Studie. Dann werden wir auch wissen, ob das Lp(a) wirklich ein Risikofaktor ist, das wir senken sollten.
Im vergangenen Jahr wurden neue Guidelines vorgestellt. Was hat sich geändert?
Die ESC/EAS Guidelines sind 2019 präsentiert worden, im vergangenen Jahr fand ein Update statt. Was sich verändert hat, sind die neuen Medikamente und die Klassifikation des Risikos. Ältere Guidelines waren aufgeteilt in Primär- und Sekundär-Prävention. Jetzt geht es um das sehr hohe Risiko, nicht nur bei Patienten, die bereits einen Infarkt hatten, sondern auch bei Personen, die verschiedene Risikofaktoren aufweisen. Auch Patienten mit einem genetisch hohen LDL haben ein hohes/sehr hohes Risiko.
Welche Rolle spielen Generika in der leitliniengerechten Therapie von erhöhtem Cholesterin?
Alle Statine sowie auch Ezetimib sind Generika. Wichtig ist: Generika enthalten zum Teil Zusatzstoffe, die sich vom Original unterscheiden. Ungewöhnliche Nebenwirkungen, die durch den Hauptwirkstoff nicht zu erklären sind, können durch Zusatzstoffe verursacht sein. Für die neueren Medikamente wie Bempedoinsäure oder die PCSK9-Hemmer gibt es keine Generika.
Inwieweit kann der AGLA-Risikorechner die Hausarztpraxis unterstützen?
Die Hausärzte brauchen den AGLA-Risikorechner sowie die Pocketguide des AGLA oft. Die AGLA-Website wird täglich konsultiert. Der Risikorechner ist ein gutes Instrument, um bei gesunden Personen das Risiko eines Herzinfarktes in den nächsten 10 Jahren einzuschätzen. Wenn ich Diabetikerin bin oder eine familiäre Hypercholesterinämie habe, gehöre ich zur Kategorie hohes Risiko. Da muss der Hausarzt nicht den Risiko-Score bemühen. Zum Beispiel: Ich bin 42 Jahre alt, habe einen Cholesterinwert von 4,1 und bin Raucherin. Der AGLA-Rechner sagt mir, wie hoch mein Risiko in den nächsten 10 Jahren ist, einen Herzinfarkt –tödlich oder nicht tödlich –zu erleiden. AGLA ist für eine Schweizer Population berechnet. Die Schweiz hat generell ein tiefes kardiovaskuläres Risiko. Für Leute, die nicht in der Schweiz geboren wurden, gibt es den Score 2. Ich als Italienerin kann nicht den AGLA-Score benutzen, für mich gilt Score 2. Für Leute aus Asien oder Afrika gibt es einen speziellen Score. So können die Hausärzte sehr persönlich urteilen. Es gibt auch einen Score, der das Risko lebenslang bestimmen kann. Das ist wichtig in der Diskussion, ob eine Therapie gemacht werden soll oder gewisse Massnahmen wie Lebensstiländerungen genügen.
Wann sollte ein Patient in die Kardiologie überwiesen werden?
Das hängt vom Patienten ab. Hat er Intoleranzen, Symptome, die nicht einfach einzuordnen sind, nimmt er Medikamente und hat trotzdem sehr hohe Cholesterinwerte sowie bei Personen mit einer hohen familiären Hypercholesterinanämie kann eine Überweisung an ein Lipidzentrum nötig sein.