
Prof. Dr. med. T. Rosemann
Facharzt Allgemeine Innere Medizin
Blutdruck, Blutzucker, Gewicht und Cholesterin. Prof. Thomas Rosemann, Institut für Hausarztmedizin, Universitätsspital Zürich, über die kardiovaskuläre Prävention in der Hausarztpraxis.
Was sind die Aufgaben der hausärztlichen Versorgung?
Die kardiovaskuläre Prävention gehört zu den zentralen Aufgaben der hausärztlichen Versorgung. Trotz modernen Therapien bleiben Erkrankungen wie die koronare Herzkrankheit, der Schlaganfall und die Herzinsuffizienz führende Ursachen für Morbidität und Mortalität. Ein Grossteil dieser Ereignisse lässt sich jedoch durch frühzeitige Identifikation und konsequente Behandlung modifizierbarer Risikofaktoren verhindern. In der täglichen Praxis zeigt sich: Vier Parameter – Blutdruck, Blutzucker, Körpergewicht und Cholesterin – erklären zusammen etwa 70% des kardiovaskulären Risikos. Diese Big Four bieten einen klaren, evidenzbasierten und gleichzeitig praktikablen Ansatz für die Primär- und Sekundärprävention.
Blutdruck: Der stärkste Einzelprädiktor. Die arterielle Hypertonie ist der bedeutendste modifizierbare Risikofaktor. Bereits moderate Blutdruckerhöhungen steigern das Risiko für Myokardinfarkt und Schlaganfall deutlich.
Was sind praxisrelevante Punkte?
– Zielwerte: meist < 130/80 mmHg (individualisiert je nach Alter und Komorbidität) – Heimblutdruckmessung stärkt Adhärenz und diagnostische Sicherheit – Niederschwellige Therapieeinleitung bei persistierend erhöhten Werten
Was sind praktische Nutzen?
Eine Blutdruckmessung bei jedem Praxisbesuch möglich (opportunistisches Screening) – Einfache Verlaufskontrolle mit hoher Aussagekraft – Grosse Wirkung bei relativ geringem Aufwand
Blutzucker: Früh erkennen, früh handeln. Der Diabetes mellitus Typ 2 ist ein starker Treiber kardiovaskulärer Ereignisse, häufig jedoch lange asymptomatisch.
Was sind hier praxisrelevante Punkte?
– Screening: Nüchternglukose oder HbA1c bei Risikopatienten – Kontinuierliche Glukosemessung revolutioniert das Diabetes-Management – Prädiabetes ernst nehmen – Lebensstilintervention wirkt – Frühzeitiger Einsatz kardioprotektiver Medikamente bei manifester Erkrankung
Was sind praktische Nutzen?
– Ein HbA1c-Wert liefert eine stabile Langzeitinformation – Gute Gesprächsgrundlage für Lebensstiländerungen – Direkter Einfluss auf Therapieentscheidungen mit prognostischem Benefit
Körpergewicht: Der unterschätzte Multiplikator. Adipositas verstärkt nahezu alle kardiovaskulären Risikofaktoren und ist eng mit Hypertonie, Dyslipidämie und Diabetes verknüpft.
Was sind praxisrelevante Punkte?
BMI und Taillenumfang als einfache Screeningparameter – Fokus auf nachhaltige, realistische Ziele (5–10 % Gewichtsreduktion) – Multimodale Ansätze (Ernährung, Bewegung, Verhalten)
Was sind praktische Nutzen?
– Gewicht ist leicht messbar und gut kommunizierbar – Kleine Veränderungen zeigen oft grosse Effekte – Stärkt die Arzt-Patienten-Beziehung durch kontinuierliche Begleitung
Cholesterin: Schlüssel zur Atheroskleroseprävention. Erhöhte LDL-Cholesterinwerte sind zentral an der Entstehung der Atherosklerose beteiligt.
Was sind praxisrelevante Punkte?
– LDL als primärer Zielparameter – Risikoadaptierte Zielwerte (z. B. < 1,8 mmol/l bei Hochrisikopatienten) – Konsequente Statintherapie, gegebenenfalls Kombinationstherapie
Integration in den Praxisalltag. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist nicht die perfekte Einzelmassnahme, sondern die systematische Umsetzung im Alltag.
Was sind konkrete Strategien?
– Checklistenbasierte Vorsorgeuntersuchungen: Standardisierte Erfassung der Big Four – Recall-Systeme für Verlaufskontrollen – Task-Shifting: Einbindung von MPA- und Pflegepersonal in Messung und Beratung – Motivational Interviewing zur Förderung der Adhärenz – Nutzung von Risikorechnern (z. B. SCORE2)
Was ist der hausärztliche Vorteil?
Hausärztinnen und Hausärzte haben eine einzigartige Position: – Langfristige Patientenbeziehungen – Kenntnis psychosozialer Faktoren – Kontinuität in der Betreuung Gerade bei der kardiovaskulären Prävention entscheidet nicht die einmalige Intervention, sondern die nachhaltige Begleitung über Jahre.
Fazit: Die Konzentration auf Blutdruck, Blutzucker, Gewicht und Cholesterin bietet einen hochwirksamen, pragmatischen Ansatz zur Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse. Für die Hausarztpraxis bedeutet das: – Einfach messen – Konsequent handeln – Langfristig begleiten Mit vergleichsweise geringem Aufwand lässt sich so ein Grossteil der kardiovaskulären Krankheitslast effektiv beeinflussen – ein klassisches Beispiel für evidenzbasierte Medizin mit unmittelbarem Nutzen im Praxisalltag. Und zuletzt noch: Wenn nötig, Rauchstopp nicht vergessen! Ein grosser Teil der Raucherinnen und Raucher wartet nur darauf, dass die Ärztin oder der Arzt den ersten Schritt zum Ausstieg ermöglicht.