
Dr. med. C. Gall
Ostschweizer Herzzentrum, Leiter nicht-invasive Kardiologie
Es braucht ein Umdenken zu mehr Prävention Warum das Körpergewicht ein zentraler Faktor für die Herzgesundheit ist und welche Herausforderungen sich daraus für die ärztliche Praxis ergeben.
Wie belastet Adipositas das Herz?
Ein erhöhtes Körpergewicht ist eng mit klassischen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden: arterielle Hypertonie, Dyslipidämie und Typ-2-Diabetes treten bei Adipositas gehäuft gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig. Adipositas ist zudem direkt mit koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern assoziiert. Metabolisch aktives Fettgewebe wirkt dabei nicht nur indirekt über Begleiterkrankungen, sondern verändert Struktur und Funktion des Herzens direkt. Dazu gehören:
- Erhöhung des Blutvolumens und damit der kardialen Vorlast
- Hypertrophie und struktureller Umbau des linken Ventrikels
- Beeinträchtigung der diastolischen Funktion
- Förderung entzündlicher und metabolischer Prozesse
- Der BMI ist ein etabliertes Mass zur Einordnung des Körpergewichts, er bildet die individuelle Fettverteilung aber nur unvollständig ab. Insbesondere abdominales bzw. viszerales Fett verschärft das kardiometabolische Risiko – unabhängig vom BMI.
Welche Mechanismen verbinden Adipositas mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Adipöses Gewebe ist metabolisch aktiv und beeinflusst über Adipokine, Zytokine und weitere Signalwege entzündliche und metabolische Prozesse. Eine erhöhte viszerale Fettmasse geht mit Insulinresistenz, endothelialer Dysfunktion und einer ungünstigen Stoff wechsellage einher. Diese Veränderungen fördern die Entwicklung und Progression von Atherosklerose und erhöhen damit das Risiko für Myokardinfarkt und Schlaganfall.
Gleichzeitig belastet das zusätzliche Körpergewicht das Herz-Kreislauf-System direkt: Ein erhöhtes Blutvolumen und ein gesteigerter hämodynamischer Bedarf führen langfristig zu strukturellen Anpassungen des Herzens. Hinzu kommen Schlafapnoe, chronische Entzündungsprozesse und Veränderungen des autonomen Nervensystems. Das Zusammenspiel dieser Mechanismen begünstigt die Entstehung von Herzinsuffizienz – insbesondere mit erhaltener Ejektionsfraktion – sowie von Herzrhythmusstörungen.
«Adipositas belastet das Herz direkt und über Begleiterkrankungen, weshalb wir das kardiometabolische Gesamtrisiko frühzeitig erkennen und individuell sowie langfristig behandeln sollten.»
Wie lassen sich kardiovaskuläre Risiken bei Menschen mit Übergewicht frühzeitig erkennen?
Übergewicht und insbesondere Adipositas erhöhen in der klinischen Praxis nachweislich die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität. Entscheidend ist dabei nicht allein der BMI: Bei vergleichbarem BMI unterscheiden sich Fettverteilung und kardiometabolisches Risiko teils deutlich, weshalb die Messung des Taillenumfangs die klinische Beurteilung sinnvoll ergänzt. Die frühzeitige Identifikation gefährdeter Patientinnen und Patienten ist ein wichtiger Bestandteil der Prävention. Im Vordergrund stehen dabei zunächst Anamnese, körperliche Untersuchungen und die systematische Erfassung kardiovaskulärer Risikofaktoren. EKG, Belastungsuntersuchungen oder Echokardiographie sind nicht allein aufgrund eines erhöhten Körpergewichts erforderlich, sondern richten sich nach der klinischen Fragestellung. Die zunehmende Bedeutung des Körpergewichts stellt Ärztinnen und Ärzte vor mehrere Herausforderungen.
Wie lässt sich Übergewicht frühzeitig behandeln, bevor Folgeerkrankungen entstehen?
Die Vermeidung einer weiteren Gewichtszunahme und die frühzeitige Behandlung von Übergewicht und Adipositas sind wesentliche Bestandteile der kardiovaskulären Prävention. Dennoch wird das Thema im klinischen Alltag häufig erst dann angesprochen, wenn bereits Hypertonie, Diabetes, Herzinsuffizienz oder eine manifeste Gefässerkrankung vorliegen. Es braucht ein Umdenken hin zu einer stärker präventiv ausgerichteten Medizin. Das Körpergewicht darf dabei nicht isoliert betrachtet werden: Entscheidend ist die Reduktion des gesamten kardiometabolischen Risikos, mit dem Ziel, Blutdruck, Stoff wechsel, körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.
Wie gelingt eine langfristige Veränderung von Ernährung und Bewegung?
Die nachhaltige Gewichtskontrolle ist schwierig. Eine ausgewogene Ernährung und regelmässige körperliche Aktivität bilden die Grundlage der Behandlung. Bereits eine moderate Gewichtsreduktion verbessert relevante kardiometabolische Risikofaktoren. Körperliche Aktivität wirkt dabei auch unabhängig von der Gewichtsabnahme und unterstützt insbesondere die langfristige Gewichtsstabilisierung und die kardiovaskuläre Gesundheit. Entscheidend ist ein langfristiger Ansatz: Kurzfristige Diäten oder einzelne Interventionen reichen häufi g nicht aus. Die ärztliche Begleitung sollte deshalb realistische Ziele, individuelle Lebensumstände und die langfristige Aufrechterhaltung von Veränderungen berücksichtigen.
Wie gelingt eine ganzheitliche Behandlung von Adipositas bei mehreren Begleiterkrankungen?
Patientinnen und Patienten mit Adipositas leiden häufig an mehreren Begleiterkrankungen gleichzeitig. Hypertonie, Dyslipidämie, Typ-2-Diabetes, Schlafapnoe und kardiovaskuläre Erkrankungen beeinflussen sich gegenseitig und machen die Therapie komplexer. Funktionelle Einschränkungen sowie psychische und soziale Faktoren erschweren zusätzlich die Umsetzung von Lebensstiländerungen. Eine ganzheitliche Betreuung ist deshalb entscheidend – je nach individueller Situation in Zusammenarbeit mit Diabetologie, Ernährungsmedizin, Kardiologie, Bewegungsmedizin oder weiteren Fachdisziplinen.
Wie lässt sich die Adipositastherapie individuell auf Risikoprofil und Begleiterkrankungen abstimmen?
Nicht alle Patientinnen und Patienten profitieren gleichermassen von standardisierten Therapieprogrammen. Die Ursachen und Ausprägungen von Adipositas sind heterogen und werden durch biologische, genetische, psychologische und gesellschaftliche Faktoren beeinflusst. Die Behandlung muss deshalb individuell an Risikoprofi l, Begleiterkrankungen, Lebenssituation und Therapiezielen angepasst werden. Neben Lebensstilinterventionen stehen inzwischen wirksame medikamentöse Optionen zur Verfügung. Inkretin-basierte Therapien reduzieren das Körpergewicht deutlich und verbessern kardiometabolische Risikofaktoren. Für Semaglutid liegen bei bestimmten Patientengruppen mit bestehender kardiovaskulärer Erkrankung überzeugende Daten zur Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse vor. Bei Adipositas und Herzinsuffi zienz mit erhaltener Ejektionsfraktion zeigen neuere Studien ebenfalls klinisch relevante Vorteile. Die Auswahl der medikamentösen Therapie muss dennoch individuell erfolgen – unter Berücksichtigung von Indikation, Verträglichkeit, Begleiterkrankungen und Langzeitperspektive.
Wie gelingt eine kontinuierliche Betreuung trotz knapper Zeit und Ressourcen?
Die intensive Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Adipositas ist zeitaufwendig. Eine nachhaltige Gewichtsregulation erfordert wiederholte Gespräche, Verlaufskontrollen und eine langfristige Begleitung – Ressourcen, die in vielen Gesundheitssystemen knapp sind. Strukturierte Abläufe in der Praxis sind deshalb umso wichtiger: Bereits die regelmässige Erfassung von Gewicht, BMI und Taillenumfang sowie die systematische Bewertung kardiovaskulärer Risikofaktoren verankern Prävention stärker im Praxisalltag.
Wie wird sich die Prävention und Behandlung von Adipositas künftig verändern?
Die steigende Prävalenz von Übergewicht und Adipositas wird die kardiologische und hausärztliche Versorgung in den kommenden Jahren weiter prägen. Der Fokus verschiebt sich zunehmend von der reinen Behandlung von Folgeerkrankungen hin zu einer frühzeitigen und langfristigen Gewichts- und Risikoprävention. Innovative Versorgungskonzepte, digitale Gesundheitslösungen und strukturierte Präventionsprogramme unterstützen die kontinuierliche Betreuung. Moderne medikamentöse Therapien eröffnen zugleich neue Möglichkeiten für Patientinnen und Patienten, bei denen Lebensstilinterventionen allein nicht ausreichen. Entscheidend wird sein, diese Optionen in ein langfristiges, patientenzentriertes Behandlungskonzept einzubetten – nicht als Ersatz für nachhaltige Lebensstiländerungen, sondern als Ergänzung.
Fazit
Das Körpergewicht ist ein zentraler, modifizierbarer Faktor für die Herz-Kreislauf-Gesundheit. Seine Bedeutung reicht weit über einzelne Begleiterkrankungen hinaus und betrifft grundlegende metabolische, entzündliche und hämodynamische Prozesse. Für die ärztliche Praxis bedeutet dies eine doppelte Herausforderung: Bestehende kardiovaskuläre Risikofaktoren und Erkrankungen müssen konsequent behandelt werden, und die Prävention von Gewichtszunahme und Adipositas muss frühzeitig beginnen.
Der Blick muss sich vom reinen Gewicht auf das gesamte kardiometabolische Risiko richten. Lebensstilinterventionen bleiben die Basis, werden aber zunehmend durch wirksame medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten ergänzt. Ein langfristiger, individueller und patientenzentrierter Ansatz reduziert kardiovaskuläre Risiken und verbessert die Lebensqualität nach haltig.