
Dr. med. Bruno Köhler
Facharzt für Innere Medizin in Mettmenstetten ZH
Sechst Tipps für die Betreuung von Herzpatienten und Diabetikern in der Hausarztpraxis.
Hausarztmedizin bedeutet nicht, erst dann zu handeln, wenn eine Erkrankung bereits manifest ist. Die eigentliche Kunst besteht darin, Risiken rechtzeitig zu erkennen, Patienten für Veränderungen zu gewinnen und gemeinsam mit ihnen die Gesundheit möglichst lange zu erhalten. Das gilt ganz besonders für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder einem erhöhten Risiko dafür. Bluthochdruck, Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen, ungünstige Ernährung und Fettstoffwechselstörungen treten in den meisten Fällen gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig. Aber wie bringt man diese Erkenntnisse aus der Leitlinie in den Praxisalltag? Sechs Tricks aus der hausärztlichen Trickkiste.
Bevor es eine Diagnose gibt: Auf welche Risikofaktoren achten Sie als Erstes, wenn ein Patient vor Ihnen sitzt?
Der erste Trick klingt banal, ist aber ausgesprochen wirksam: Nicht nur die Krankheit suchen, sondern das Risiko dahinter. Wer sitzt vor mir? Gibt es eine familiäre Belastung? Wie sieht es mit Blutdruck, Gewicht und Taillenumfang aus? Raucht der Patient? Wie viel bewegt er sich? Wie ernährt er sich? Gibt es Hinweise auf einen gestörten Zuckerstoff wechsel oder eine Fettstoff wechselstörung? Ein einfacher Satz kann dabei das Gespräch öffnen: «Wenn wir heute schon etwas entdecken, können wir vielleicht verhindern, dass daraus später eine Krankheit wird.»
Wie gelingt es Ihnen, multifaktorielle kardiometabolische Risiken so zu kommunizieren, dass Patientinnen und Patienten die Botschaft verstehen und ihre Handlungsspielräume erkennen?
HbA1c, LDL-Cholesterin, Blutdruck, BMI, eGFR – die Medizin liebt Zahlen. Patienten meistens weniger. Nicht: «Ihr kardiovaskuläres Gesamtrisiko ist erhöht.» Sondern beispielsweise: «Mehrere kleine Faktoren kommen bei Ihnen zusammen. Jeder einzelne wäre vielleicht kein grosses Problem. Zusammen erhöhen sie aber Ihr Risiko für Herzinfarkt und Diabetes.» Das macht aus einem Laborwert eine verständliche Geschichte. Noch besser ist es, anschliessend sofort die Perspektive zu öffnen: «Die gute Nachricht: An mehreren dieser Faktoren können wir etwas verändern. » Das ist ein entscheidender Unterschied. Prävention sollte nicht Angst erzeugen, sondern Handlungsmöglichkeiten eröffnen.
«Hausarztmedizin heisst, Risiken früh zu erkennen und Patientinnen und Patienten gemeinsam zu motivieren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes gar nicht erst entstehen zu lassen.»
Wie priorisieren Sie in der Beratung die Veränderungen, die Sie mit Ihren Patientinnen und Patienten zuerst angehen, statt ihnen gleichzeitig mehrere Empfehlungen mitzugeben?
Der vielleicht wichtigste Trick lautet: Weniger ist mehr. Wer einem Patienten gleichzeitig empfiehlt, fünf Kilogramm abzunehmen, täglich Sport zu treiben, mediterran zu essen, mit dem Rauchen aufzuhören, weniger Alkohol zu trinken, sieben Stunden zu schlafen und Stress abzubauen, produziert häufig eines: Überforderung. Besser ist die Frage: «Was wäre für Sie die Veränderung, die Sie sich am ehesten vorstellen könnten?» Vielleicht ist es zunächst der tägliche Spaziergang. Vielleicht das Weglassen zuckerhaltiger Getränke. Vielleicht eine rauchfreie Woche als erster Schritt. Eine kleine Veränderung, die tatsächlich umgesetzt wird, ist wertvoller als ein perfekter Vorsatz, der nach drei Tagen aufgegeben wird.
Welche Herausforderungen stellt das metabolische Syndrom für die ärztliche Praxis dar?
Verhaltensänderungen funktionieren selten über Befehle. «Sie müssen abnehmen.» oder «Sie müssen mehr Sport treiben.» Solche Sätze können beim Patienten Widerstand erzeugen. Besser ist ein Gespräch, das Eigenverantwortung stärkt. Zum Beispiel: «Auf einer Skala von 0 bis 10 – wie wichtig wäre es Ihnen, etwas für Ihre Herzgesundheit zu tun?» Und anschliessend: «Warum sagen Sie nicht 3, sondern 6?» Damit spricht der Patient selbst über seine Gründe. Der Arzt muss ihn nicht überzeugen – er hilft ihm, seine eigenen Argumente zu finden.
Wie vermitteln Sie Bewegung so, dass Patientinnen und Patienten sie als machbaren Alltag erleben?
Viele Patienten reagieren auf das Wort Sport sofort mit innerem Rückzug. «Ich bin kein Sportmensch.» Dann hilft ein Perspektivenwechsel: Nicht «mehr Bewegung», sondern: «Ab Montag gehen Sie montags, mittwochs und freitags nach dem Abendessen 20 Minuten spazieren.»
Wie gehen Sie vor, wenn Patientinnen und Patienten Ernährungsverbote nicht umsetzen können, und welche Alternativen erarbeiten Sie gemeinsam mit ihnen?
Ein weiterer Klassiker aus der Trickkiste: Verbote möglichst durch bessere Alternativen ersetzen. «Sie dürfen keine Kohlenhydrate essen» oder «Zucker ist komplett verboten» sind weder besonders alltagstauglich noch eine gute Grundlage für langfristige Verhaltensänderung. Viel sinnvoller ist die Frage: «Wie sieht Ihr normaler Tag beim Essen aus?» Vielleicht werden Softdrinks durch Wasser ersetzt. Vielleicht kommt häufiger Gemüse auf den Teller. Vielleicht wird das Frühstück verändert oder der tägliche Snack überdacht. Ziel ist keine kurzfristige Diät, sondern ein Ernährungsstil, den der Patient auch in fünf Jahren noch praktizieren kann.