PD Dr. med. S. Stämpfli
Facharzt Kardiologie
Über die Rolle der Hausarztpraxis als erste und wichtigste Instanz in der kardiovaskulären Prävention.
Patientinnen und Patienten recherchieren ihre Symptome heute zuerst online. Wie verändert das die Sprechstunde?
Stark – aber nicht nur negativ. Die Menschen kommen informierter, manchmal aber auch verunsicherter. Eine Suchmaschine liefert in Sekunden zwanzig mögliche Diagnosen, ordnet sie aber nicht ein. Genau diese Einordnung ist unsere Aufgabe. Ich sehe die Online-Recherche deshalb als Einstieg in ein Gespräch, nicht als Konkurrenz.
Was geht bei der Selbstdiagnose im Bereich Herzgesundheit am häufigsten schief?
Risikofaktoren werden isoliert betrachtet. Jemand liest etwas über Cholesterin und fokussiert nur darauf, während Blutdruck, Gewicht und Blutzucker zusammen das eigentliche Bild ergeben. Das Herz-Kreislauf-Risiko ist immer eine Gesamtrechnung – und die kann das Internet nicht für eine einzelne Person aufstellen.
«Das kardiovaskuläre Risiko ist eine Gesamtrechnung. Die kann keine Suchmaschine für einen einzelnen Menschen aufstellen.»
Wie sprechen Sie die vier Werte konkret an?
Ich mache sie greifbar. Statt nur Zahlen zu nennen, erkläre ich, was ein Wert für den Alltag dieser Person bedeutet. Cholesterin, Blutdruck, Gewicht und Blutzucker sind keine abstrakten Laborgrössen – sie sind Stellschrauben, an denen wir gemeinsam drehen können. Diese Übersetzungsarbeit ist der Kern hausärztlicher Prävention.
Ihr Rat an Hausärztinnen und Hausärzte?
Sprechen Sie die Werte aktiv an, auch wenn die Person nur wegen einer Erkältung kommt. Ein einziger Satz kann ein Fenster öffnen. Und nehmen Sie die Online-Recherche Ihrer Patientinnen ernst – nicht abwertend, sondern als Ausgangspunkt. Vertrauen entsteht im Gespräch, nicht im Suchfeld.